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Untergang
Schon bevor Wilknitt von den sowjetischen Truppen überrollt wurde, ging es dort drunter und drüber. Anfang Februar hausten dort rund dreihundert Soldaten, etwa so viele Flüchtlinge, rund zweihundert Kriegsgefangene, ungefähr fünfhundert Strafgefangene. Das Gutshaus war geplündert. Im Inspektorhaus hatte der Zuchthausdirektor mit seiner Familie und den Beamten Wohnung genommen. Aber es waren auch etliche Wilknitter auf dem Gut geblieben. Nahrungsmittel waren knapp, insbesondere Mehl. Mit dem Lanz-Bulldog versuchte man, die Schrotmühle in Gang zu halten. Bis zum 10. Februar 1945 flohen dann auch die letzten Wilknitter und versuchten, sich über das Frische Haff zu retten. Mitte Februar ging Wilknitt endgültig verloren, am 20. Februar 1945 waren dort die sowjetischen Truppen.
Als der Bahnhof Wilknitt gefallen und Lichtenfeld schon beschossen wurde, soll Wilknitt am 16. Februar 1945 einen Treffer erhalten und gebrannt haben. Das Gutshaus blieb in seiner Substanz zunächst erhalten. Was mit dem Inventar geschehen ist, weiß man nicht. Es wird aus der Nachkriegszeit berichtet, dass Nachbarkinder aus herumliegenden Büchern die Vorsatzblätter herausgetrennt haben, um Schreibpapier zu gewinnen. Die Türen und Fensterflügel, soweit noch vorhanden, klopften bei Wind an die Wände. Den Kindern war es unheimlich in dem großen Haus - hinter jeder Wand vermuteten sie Russen. Das Gutshaus wurde dann abgetragen, und die Ziegel anderswo vermauert.
Heute ist das Gut aufgesiedelt und wird von etlichen polnischen Bauern bewirtschaftet. Inzwischen lebt dort niemand mehr, der Deutsch spricht. Das Inspektorenhaus und die Insthäuser sind bewohnt, die Wirtschaftsgebäude verfallen.
Besuche danach:
Ich war .. von dort aus am 21. September (1958) per Auto in Wilknitt und Steegen. Das seelisch tief bedrückende dieses Wiedersehens ist überhaupt nicht in Worte zu fassen, zumal unsere Häuser nicht mehr da sind; das Deine als Ruine, Steegen überhaupt vom Erdboden verschwunden, die Steine zum Wiederaufbau nach Warschau gebracht .. Wilknitt steht vollkommen, Beamtenhaus, Hof, alle Ställe und Wohnhäuser, der Park mit einigen Beschussschäden, und es wohnen dort ein paar Menschen, ausgesiedelte Ostpolen. Um den Denkstein (Anm.: Fritz von Steegen) hat der betr. Bauer aus Pietät etwa einen Morgen unbestellt liegen gelassen .. Der Acker ist eine einzige Grünlandfläche, kein Roggen, keine Rüben, es werden dort wohl nur ein paar Stück Vieh gehütet .. (die) Pflanzungen in der Wiese nach der Bahn zu sind hoher Wald geworden, ein sehr schöner Anblick, und der Wilknitter Wald .. ist von Menschenhand unberührt und gewaltig gewachsen .. Kein einziger Koppelzaun, alle Pfähle und Draht abmontiert .. Die Bahnlinie ist von den Russen aufgenommen, das Bahnwärterhaus Wilknitt weg, der gute Bauernwald links abgeholzt .. In Steegen habe ich nicht aussteigen können .. Ich bin dann durchs Wäldchen (zu einem vollkommenen Urwald geworden) zum Friedhof gegangen, den ich erst garnicht finden konnte, da wucherndes Unterholz mir jede Sicht nahm. Die Gräber sind in einem sehr traurigen Zustand, nur Onkel Pitts (Anm.: Fritz von Steegen, + 1909) Grabstein steht noch.
Otto Oskar von Steegen Klein-Steegen, am 2. November 1958 an Vera von Steegen ______________________
Wir waren auch in Wilknitt, und das will ich Dir gleich schreiben! Fahre nicht hin! So wunderschön das Land ist, so deprimierend ist die Verkommenheit, der unbeschreibliche Schmutz, die unsagbare Unordnung aller Gutshöfe. Die Stelle, wo Euer liebes Haus gestanden hat, ist kaum mehr zu erkennen. Auf einer kleinen Erhebung, die seinen ehemaligen Standort erahnbar macht, steht eine scheußliche kleine Bude. Aber die schöne, alte Allee, auf der wir .. fast liegen blieben, steht schön und würdig, wie eh und jeh! - Alle Felder der zusammengefassten Großbetriebe sind bestens in Schuss, gut gepflügt oder bestellt mit Gründüngung und zart leuchtender Winterung. Es gibt keine Zäune mehr - sie sollen aufgenommen sein, damit die Wölfe das Vieh nicht in die Ecke treiben können. Die großen ununterbrochenen Ackerflächen sehen natürlich ganz besonders schön aus. In Steegen war es am schlimmsten - wir haben uns durch brusthohes Unkraut durch den Park gearbeitet .. Der Begräbnisplatz im Wäldchen ist schwer zu finden (es gibt ja keinen Weg mehr) und bietet nach langem Suchen ein grausiges Bild. Alle Gräber ausgewühlt, alle Kreuze zerbrochen, alle Steine umgeworfen.
Jutta Freifrau von der Leyen, geb. von Steegen, am 9. Oktober 1980 an Carl-Friedrich von Steegen
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